Die 125-jährigen Schweizer Privatbahnen Einleitung |
1875 eröffnete Bahnstrecken Erinnerungen an die Hundertjahrfeiern von 1975
|
![]() |
|
| 1875 war ein besonderes Jahr für die Schweizer Bahnen. Noch nie zuvor waren in einem einzigen Jahr 17 neue Bahnstrecken eröffnet worden. Die Hochkonjunktur im Gefolge der deutsch-französischen Krieges von 1870/1871 und der durch die Eröffnung der Vitznau Rigi-Bahn ausgelöste Bergbahnboom hatten eine Bahnbaublüte ausgelöst, die allerdings bereits wieder von einer Flaute und entsprechender Zurückhaltung abgelöst wurde. In loser Folge werden wir in nächster Zeit Zusammenfassungen der Geschichte einiger dieser Bahnunternehmen veröffentlichen. Zum Anfang einige Erinnerungen des Verfasser an die Hundertjahrfeiern dieser Unternehmen vor 25 Jahren. Dass sich am Rande der Organisation gemeinsamer Jubiläumsanlässe auch noch ein kleiner Fahrzeughandel anbahnte, ist ein interessantes Detail. Damals, 1975 wurde übrigens das Schweizer Bahnnetz durch eine bedeutende Neubaustrecke, die Heitersberglinie von Killwangen Richtung Othmarsingen ergänzt, womit sich die Fahrzeit von Zürich nach Bern markant verkürzte. |
| Datum | Strecke | damaliges Unternehmen |
heutiges Unternehmen |
|
| 12.04. 04.05. 12.05. 26.05. 01.06. 01.06. 04.06. 01.07. 17.07. 17.07. 17.07. 02.08. 11.08. 06.09. 20.09. 21.09. 25.09. |
Winkeln Herisau Winterthur Grüze Bauma Zürich Selnau Üetliberg Derendingen Burgdorf Unterstetten Rigi Scheidegg Wohlen Muri Arth Rigi Kulm Vallorbe Pontarlier Etzwilen Kreuzlingen Konstanz Kreuzlingen Konstanz Winterthur Singen Brugg Pratteln Langnau Luzern Rorschach Heiden Zürich Näfels Herisau Urnäsch Delémont Basel |
SLB TTB UeB EB RSB ASB ARB JE SNB SNB SNB BöB BLB RHB NOB SLB JB |
AB SBB SZU RM I SBB RB I MThB MThB SBB SBB SBB RHB SBB AB SBB |
1) 2) 3) 4) 5) 6) 7) 8) 9) 10) 11) 12) 13) 14) 15) 16) 17) |
AB ARB ASB BLB BöB EB JB JE MThB NOB RB RHB RM RSB SBB SLB SNB SZU TTB UeB |
Appenzeller Bahnen (1988 - ) Arth-Rgi-Bahn (1873 - 1991) Aargauische Südbahn (1874 - 1901) Bern-Luzern-Bahn (1875 - 1884) Bötzbergbahn (1875 - 1901) Emmenthalbahn (1875 - 1941) Jura bernoise (1874 - 1884) Jougne-Eclépens (1870 - 1876) Mittelthurgau-Bahn (1911 - ) Schweizerische Nordostbahn (1853 - 1901) Rigi-Bahnen (1992 - ) Rorschach-Heiden-Bergbahn (1875 - ) Regionalverkehr Mittelland (1997 - ) Rigi Kaltbad-Scheidegg-Bahn (1874 - 1942) Schweizerische Bundesbahnen (1902 - ) Schweizerische Lokalbahnen (1875 - 1885) Schweizerische Nationalbahn (1875 - 1880) Sihltal-Zürich-Üetliberg (1973 - ) Tössthalbahn (1875 - 1917) Üetlibergbahn (1875 - 1922) |
|||
1) |
1913 durch neue Strecke Gossau Herisau ersetzt, ursprünglich "Schweizerische Gesellschaft für Lokalbahnen", ab 1885 Appenzeller Bahn, ab 1988 mit SGA zu Appenzeller Bahnen vereinigt |
|||
| 2) | Tösstalbahn, ab 1918 SBB | |||
| 3) | 1973 mit Sihltalbahn zu SZU fusioniert, 1990 bis Zürich HB verlängert | |||
| 4) | Derendingen Biberist 1864 als Werkbahn mit Pferdebetrieb eröffnet, ab 1875 Emmenthalbahn, 1884 aufgehoben, Teilstrecken als Werkbahn weitergeführt, ab 1942 EBT, seit 1997 RM | |||
| 5) | Rigi Kaltbad Unterstetten 1874 eröffnet, 1931 öffentlicher Bahnbetrieb eingestellt, bis 1942 noch sporadischer Betrieb, dann Abbruch, heute Wanderweg | |||
| 6) | Aargauische Südbahn, Gemeinschaftsunternehmen der NOB und SCB, ab 1902 SBB | |||
| 7) | ab 1992 mit Vitznau Rigi-Bahn fusioniert; Strecke Arth am See Arth-Goldau 1959 eingestellt | |||
| 8) | Strecke auf schweizerischem Gebiet 1939 eingestellt und 1942 abgebrochen | |||
| 9) | Schweizerische Nationalbahn, ab 1880 NOB, ab 1902 SBB, 1998 MThB, Kreuzlingen damaliger Bahnhofname Emmishofen-Egelshofen | |||
| 10) | Güterlinie mit sporadischem Personenverkehr Kreuzlingen Hafen Konstanz | |||
| 11) | Etzwilen Singen Personenverkehr 1969 eingestellt, 1996 Betrieb eingestellt | |||
| 12) | Bötzbergbahn, Gemeinschaftsunternehmen NOB/SCB, ab 1902 SBB | |||
| 13) | Bern Luzern-Bahn, 1884 JBL, 1890 JS, 1903 JS | |||
| 14) | einziges seit 1875 rechtlich und streckenmässig unverändertes Unternehmen, normalspurige Zahnradbahn mit gemischtem Adhäsions- und Zahnstangenbetrieb | |||
| 15) | Ziegelbrücke Glarus Parallelbetrieb mit VSB-Linie über Weesen, die 1918 eingestellt und 1931 abgebrochen wurde | |||
| 16) | damals vom Bahnhof im Dorf Herisau über Spitzkehre Richtung Urnäsch führend | |||
| 17) | damals Bernische Jura-Bahn, 1884 JBL, 1890 JS, 1903 SBB | |||
| Einige
persönliche Erinnerungen an die Hundertjahrfeiern von 1975
Irgendwann hatte irgendwer die Idee, die 1975 hundertjährig werdenden Bahnunternehmen sollten ihr Jubiläum irgendwie aufeinander abstimmen, zumindest sollte in der Zeitschrift "VST-Revue" des Verbandes Schweizerischer Transportunternehmen ein gemeinsamer Auftritt erfolgen. Die EBT zeigte kein Interesse daran, das Hundertjahrjubiläum der Emmenthalbahn in dieser Form zusammen mit den kleineren Unternehmen zu feiern. Die Direktoren der vier geografisch und streckenlängenmässig näher beieinander gelegenen Unternehmen Appenzellerbahn (Josef Hardegger), Arth Rigi (Josef Jütz), Rorschach Heiden (Ernst Grob) und Uetlibergbahn (SZU, Hans Tempelmann) trafen sich dagegen zusammen mit einigen Mitarbeitern zu einer Besprechung in Rapperswil. Direktor Hans Tempelmann hatte schon zuvor mich dazu auserkoren, die Jubiläumsfeiern zu koordinieren und nahm mich zu dieser Besprechung mit. Nationalrat und Direktor RHB Ernst Grob machte spontan den Vorschlag, statt oder zusätzlich zu den Jubiläumsfeiern der einzelnen Unternehmen gegenseitige Personalbesuche der vier Bahnen in die Wege zu leiten. Nach den Jahren anhaltender Hochkonjunktur fühlten sich die Direktoren verpflichtet, dem treugebliebenen Personal als Dank etwas zu bieten. Da ich zufolge meiner Tätigkeit als Eisenbahnfotograph und Historiker allen vier Direktoren bereits ein Begriff war, fasste ich gleich die Hausaufgabe, diese gegenseitigen Besuche zu organisieren. Die "Tätschmeister" der vier Bahnen, zu deren Bestimmung ich mich der Einfachheit halber an die Präsidenten der Gewerkschaftssektionen dieser Bahnen gewandt hatte, trafen sich umgehend in St.Gallen zu einer Besprechung. Dabei wurden vor allem die Daten für die Besuche festgelegt und einige Ideen ausgetauscht, wie diese Tage zu gestalten seien. Bei jeder Bahn taten sich ein paar initiative Angestellte zusammen und organisierten ein Programm für einen vergnügten Tag, an dem vor allem die dienstfreien Angestellten der drei anderen Bahnen, aber auch des eigenen Unternehmens, teilnahmen. Die ARB zeigte sich generös und lud gleich zu zwei Besuchen ein. Während des ganzen Sommers fand somit jeden Monat so ein Personalanlass statt. Als einziger konnte ich an allen fünf Anlässen dabeisein, musste dies allerdings mit viel Organisationsaufwand abverdienen. Bei allen Unternehmen wurde versucht, die Unkosten mit Sponsoring (welches Wort damals noch nicht geläufig war) möglichst gering zu halten, den Rest übernahmen die Unternehmen. Ins Appenzellerland ging es vorerst bei Nebel und Regen mit Dampf und Diesel nach Appenzell, wo bereits die Sonne lachte. Am Nachmittag ging es schliesslich noch auf den Kronberg, für viele SZU- und die meisten ARB-Angestellten ein bisher unbekanntes Ziel. |
|
| Die
Dampflokomotive G 3/4 14 (SLM 1902/1479) der Appenzeller Bahn, wartet mit ihrem Extrazug
am 16. August 1975 in Herisau auf die Fahrgäste. Foto: Hans Waldburger |
![]() |
![]() |
Auch
der Dieseltriebwagen der AB, der BCFm 2/4 56 (ursprünglich 26) gelangte im Jubiläumsjahr
zum Einsatz. Beide Fahrzeuge sind übrigens noch heute betriebsfähig bei den Appenzeller
Bahnen erhalten. Foto: Hans Waldburger |
| Die Anfahrt zur Arth Rigi-Bahn mit dem alten Zugersee-Schiff "Rigi" fand beide Male im Nebel statt, der uns dann den ganzen Tag treu blieb. Umso fröhlicher waren die Unterhaltungsnachmittage mit Musik und Tanz, das eine Mal auf Rigi Staffel, das andere Mal im Klösterli. Das Hotel "Schwert" dasselbst gehörte damals noch der ARB. Die Besuche bei der RHB und in Zürich fanden beide an Tagen mit Wunderwetter statt. Bei der RHB landeten wir nach der Fahrt mit den hundertjährigen Sommerwagen mittels Postautos am Aussichtspunkt St.Anton, wo die knapp zwanzig RHB-Angestellten ein Fest auf die Beine gestellt hatten, das sich neben jenen der grösseren Bahnen durchaus sehen lassen konnte. Wir bei der SZU entschlossen uns ebenfalls, eine Schiffahrt miteinzubeziehen. Zuerst ging es nach einer Stadtrundfahrt mit historischen Trams weiter mit den beiden Zweiachskompositionen auf den Üetliberg. Am Nachmittag folgte eine Fahrt mit der Limmatschifffahrt, die grossen Anklang fand. Allerdings verloren sich dann die auf verschiedene Limmatboote verteilten Gruppen etwas aus den Augen. Ein Teil der Gesellschaft landete im damaligen Unterhaltungslokal "Fassboden", wo der "Spetter Speck", der Ausläufer der AB-Verwaltung, zuerst zu einer Aufwärmrunde und dann gleich für den Rest des Nachmittags ans Mikrofon trat und einen träfen Appenzeller Witz nach dem anderen erzählte und damit die eigenen und fremden Anwesenden aufs herrlichste unterhielt, derweil die "Blauen Sterne" (eine tschechische Musikergruppe) verlängerte Pause machen konnten. |
|
Als einziger einer Serie von 4 Fahrzeugen, hat der Triebwagen Be 2/2 22 bis heute überlebt. 1977 war der 1923 erbaute Wagen mit dem B4 in Uitikon-Waldegg noch regulär unterwegs. Der älteste Üetlibergbahn-Vertreter leistete auch zur Fernsehsendung zum 100-jährigen Jubiläum gute Dienste als Material- und Personentransporter. Foto: Werner Hardmeier |
![]() |
| Diese fünf Anlässe waren im grossen ganzen ein durchschlagender Erfolg. Persönlich profitierte ich von den dabei geschlossenen Freund- und Bekanntschaften bis in die neuere Zeit für meine Tätigkeit als Eisenbahnfotograph und Historiker. So konnte ich mir mehrmals problemslos erlauben, auch zu vorgerückter Stunde bei RHB-Angestellten noch zu Hause anzurufen, um mich über Schneepflug-. Unkrautvertilgungs- oder Salonwagenfahrten auf der "Häädlerbahn" zu erkundigen, wobei dann anderntags auch noch Fotohalte à discretion geboten wurden; bei der ARB wurde ich noch jahrelang an alle PR-Anlässe eingeladen, bei denen es meist reichlich zu futtern gab. Die Verbindung mit der RHB hat noch eine weitere Folge gehabt. Bei einer Vorbesprechung über das RHB-Jubiläum beklagte sich Direktor Grob der RHB 1973 darüber, dass ihm die GFM den dritten der leichten SBB-Aluminium-Vierachs-Personenwagen B 8201 - 8203, von denen die RHB zwei übernommen hatte, weggeschnappt hatte. Ich erwähnte, dass ich schon noch einen Wagen wüsste, der sich für die RHB eignen könnte. Der B 25 der Wohlen Meisterschwanden-Bahn sei in einem Schuppen in Bremgarten West unbenützt remisiert bis zum Ablauf der Abschreibungsfrist von 33 Jahren. Da er 1948 zusammen mit dem inzwischen für den neuen Wechselstrombetrieb angepassten B 26 angeschafft worden war, hätte er also noch acht Jahre lang vor sich her gedämmert. Als sich die WM zierte, den Wagen an die RHB zu verkaufen, machte Nationalrat Grob in Bern Dampf, worauf die WM vom Amt für Verkehr mit sanfter Gewalt genötigt wurde, den von ihr nicht mehr benötigten Wagen abzugeben. Mehr als 20 Jahre später hatte ich dann Gelegenheit, diese beiden Wagen wieder zusammenzubringen. Die RHB hatte inzwischen den WM-Wagen an den Club San Gottardo in Mendrisio abgegeben. Auf der Abschiedsfahrt der WM am 31. Mai 1997 kam ich neben Direktor Fink der BD/WM zu sitzen, dem ich kurz zuvor den BDe2/4 3 (ehemals Sensetalbahn) an die Zürcher Museums-Bahn vermittelt hatte. Dabei wollte er uns unbedingt auch den B 26 zum Preis von einigen tausend Franken verkaufen, den wir aber aus Finanz- und Platzgründen leider nicht übernehmen konnten. Auf der Abschiedsfahrt sagte Fink in abschieds- und weinseliger Laune beiläufig zu mir, den B 26 würde er für einen Franken verkaufen und erst noch "uf Wohle use stelle". Am Montag telefonierte ich dem Präsidenten des Club San Gottardo Antonio Bianchi und schon gleichentags konnte ich den WM-Direktor an sein Versprechen, der Wagen werde für einen Franken nach Wohlen gestellt, erinnern. Direktor Fink konnte nicht mehr gut zurückkrebsen, knurrte zwar ein bisschen; doch rollte der B 26 wenige Tage später südwärts zum Schwestergefährt B 25. |
|
![]() |
Der ehemalige Wohlen-Meisterschwanden- Foto: Hans Waldburger |
| Für den Personalanlass der SZU selbst hatte ich nicht viel beizutragen. Das Personal der Üetlibergbahn, die kaum anderthalb Jahre vorher mit der Sihltalbahn zur SZU zusammengelegt wurde, war noch immer eine verschworene Gruppe, die im damals noch fast neuen "Atlantis" ein wohlgelungenes Personalfest organisierte. Meine Hauptaufgabe war eine launige Rede, die wie alle anderen Beiträge mit einem melodischen "Konzert" einer der beiden Original-Lokpfeifen des sich gerade in Revision befindlichen Motorwagens 11 eingeleitet wurde, betrieben mit einer Druckluftflasche, gesponsort von einem Sauerstoffwerk. Diese Knorr-Pfeifen gab es ja bekanntlich sonst nur bei den Tessiner Bahnen FART/FLP. Auch die Herren Verwaltungsräte, Aktionäre, Alt-, Neu-, Noch- oder Schonwieder-Stadt- und Gemeinderäte, weitere Behörden- und die Medienvertreter, die Lieferanten und Kunden und wer sich sonst noch mit der Uetlibergbahn verbunden fühlte, wollten natürlich auch mitfeiern. Für diese Gäste fuhr der Dampfzug ausnahmsweise wieder einmal bis Uitikon Waldegg, dann ging es mit den Zweiachszügen weiter. Auch dieser Anlass, der sich dann vor allem im Uto Kulm abwickelte, war dank schönstem Wetter ein voller Erfolg. Freiwillige hatten den kurz zuvor ausrangierten Montagewagen X 201 mit Baujahr 1875 zum einem pseudohistorischen Wagen zurückverwandelt. Die noch erhaltene Personenwagenhälfte wurde äusserlich zum ursprünglichen Dampfzugwagen BC 3 zurückverwandelt; die bisher von einem Montageturm belegte zweite Hälfte dagegen mit einer Abschrankung versehen zu einem Sommerwagen verwandelt. Der Wagen wurde zusammen mit einer bei der SZU remisierten Krauss-Werkbahn-Dampflok auf dem Üetliberg aufgestellt. Zwar war sie lange nicht so alt wie die "richtige" Üetlibergbahn, hatte aber ein verblüffend ähnliches Aussehen wie die leider längst verschwundenen UeB-Dampflokomotiven. Für das Fussvolk gab es einen Gratistag. |
|
Nicht nur auf der Üetlibergbahn dampfte es 1975. Auch die Appenzeller Bahn liess es am 28. Juni in Waldstatt kräftig qualmen. Die Dampflok G 3/4 14 stammt ursprünglich von der Rhätischen Bahn. Foto: Urs Nötzli |
![]() |
| Schliesslich wurden die drei Bahnen AB, ARB und SZU vom Schweizer Fernsehen noch einer Jubiläumssendung für würdig befunden. Während rund einer Woche war ich mit einer TV-Crew mit "Ländlerpapst" Wysel Gyr unterwegs. Um den Fernsehstar, der wenige Häuser von mir weg wohnte und ein Morgenmuffel war, gnädig zu stimmen kaufte Regisseur Hans Spinnler am Kiosk in der Binz jeweils rasch eine Glace, wenn "Wysel" ein paar Häuser weiter unten aus dem Hausgang trat. Die ganze TV-Ausrüstung wurde in den Zweiachs-Motorwagen Be2/2 22 geladen, mit dem wir an die verschiedenen Aufnahmeorte entlang der Uetlibergbahn fuhren und ihn zwischendurch in Uitikon oder Uetliberg "parkierten". Hans Spinnler als eingefleischter Eisenbahnnarr hatte ein an sich gutes Drehbuch ausgedacht, das alle drei Bahnen umfasste. Allerdings hatte er nicht bedacht, dass im Zeitpunkt der Ausstrahlung der "Stadt und Land"-Sendung die Üetlibergbahn auf kondukteurlosen Betrieb umgestellt war. So musste das Drehbuch über Nacht umgeschrieben werden; der dienstälteste Kondukteur Johann Bürgler gab auf dem Uetliberg einen Signalpfiff ab und musste den Satz "Mir Kundiktöre pfiffet sowieso zum letzte Loch us" sagen. Er konnte sich den Scherz erlauben, denn er wurde wenige Wochen später ohnehin pensioniert. In Zürich Selnau wurde extra für die Fernsehsendung einer der erst ein Vierteljahr später in Betrieb zu nehmenden Billettautomaten aufgestellt, an dem ein Angestellter den Versuch unternehmen musste, "Wysel" dessen Funktion zu erläutern. Mit dem Kameramann war ich bereits bekannt, es war der Sohn des Betriebschefs jener Bahn, wo ich einst meine Stationslehre gemacht hatte. Wenn der Betriebschef jeweils auf seiner Inspektionstour den kleinen Wernerli bei sich gehabt hatte, gab es Ärger. Wenn man ihn auch nur einen Augenblick aus den Augen liess, machte er sich im Stationsbüro stillvergnügt zu schaffen. Beispielsweise lagen schwupps hunderte der Edmonsonschen Kartonbillette auf dem Boden. Der "Stift" musste sie dann wieder schön der Nummernfolge entsprechend sortieren und im hölzernen Billettkasten versorgen. In einigen Szenen trat "Wysel" als alter bärtiger Mann auf, wofür er vom Chefmaskenbildner Heinz Hartl im damaligen Stationsbüro Selnau mit Schnauz und Bart versehen wurde. Ein Unbekannter war Gyr hier nicht, denn er fuhr öfters mit der Üetlibergbahn nach Hause in die Binz. Ärgerlich wurde er jeweils, wenn er den 20.04-Uhr-Zug benützte, der ab Binz als Einmannzug verkehrte und "Wysel" darum an der vorderen Türe (wo der Einmannwagenführer Billette kontrollierte und verkaufte) aussteigen musste. Der Umweg durch den meist gut besetzten Triebwagen missfiel dem TV-Star sichtlich. Mit der tagelangen Zusammenarbeit verbesserte sich das Verhältnis zwischen der Uetlibergbahn und dem etwas schrulligen "Wysel". So hatte die 100-Jahrfeier noch einen weiteren nützlichen Nebeneffekt. |
|
|
© 2000 by Hans Waldburger/SEAK,
CH-Zürich © 2001-2006 by SEAK/Webmaster |